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Persönlich · Ursprung von Prometheus

Was der Jakobsweg mit meinem Leben gemacht hat

Kevin Otto Lais · 28. Juli 2026 · 5 Min. Lesezeit

Irgendwo zwischen Porto und Santiago, in einen Holzbalken am Wegesrand geritzt, fand ich einen Satz, den ich seitdem nicht mehr losgeworden bin: „The Camino is like life, but on a smaller scale." Der Camino ist wie das Leben – nur im Kleinen. Ich würde es heute noch etwas präziser sagen: Der Jakobsweg ist das Leben in konzentrierter Form.

Ich bin den portugiesischen Jakobsweg gegangen, von Porto nach Santiago de Compostela, ungefähr 300 Kilometer. Zunächst zu zweit, später liefen wir zeitweise zu viert mit weiteren Weggefährten. Was ich dort erlebt habe, ist der Grund, warum es Prometheus heute gibt.

1. Laufen neu lernen

Die ersten drei Tage waren hart. Das ist fast lustig, wenn man darüber nachdenkt – Laufen ist etwas, das jeder von uns kann, seit er ein Kind ist. Aber der Körper musste diese Form des Gehens neu lernen: die tägliche Belastung über Stunden, das Gewicht des Rucksacks, die langen Distanzen, die fremden Unterkünfte, die Wegmarkierungen, die sich ständig verändernde Landschaft, die vielen neuen Gesichter, ein völlig neuer Rhythmus. Nichts davon war dramatisch. Aber alles davon war neu, und der Körper brauchte diese ersten Tage, um sich darauf einzustellen. Im Rückblick war das schon die erste kleine Lektion: Aller Anfang ist schwer.

2. Wenn das Leben einfach wird

Nach diesen ersten Tagen stellte sich ein Rhythmus ein, der beinahe meditativ war. Aufstehen. Loslaufen. Irgendwann Kaffee. Etwas essen. Weiterlaufen. Ankommen. Duschen. Schlafen. Am nächsten Morgen wieder aufbrechen. Das war alles. Und genau darin lag die Kraft: Das Leben wurde einfach. All die kleinen Ablenkungen und Anforderungen, die einen Alltag sonst ausfüllen, fielen weg – und in diesem Freiraum entstand plötzlich Platz. Platz für Wahrnehmung. Platz für Gespräche, die man im normalen Leben nie geführt hätte. Platz für Gedanken, die sonst nie an die Oberfläche gekommen wären.

3. Weggefährten auf Zeit

Ich war zu Beginn zu zweit unterwegs. Später liefen wir zeitweise zu viert. Auf dem Weg tauchen Menschen auf, laufen ein Stück mit dir und verschwinden vielleicht wieder – manche nach wenigen Minuten, manche nach einem gemeinsamen Tag, manche über mehrere Etappen. Aus einer kurzen Plauderei am Wegesrand kann in erstaunlich kurzer Zeit ein tiefes Gespräch werden. Ich glaube, das liegt an der Vergänglichkeit dieser Begegnungen: Man spürt oft schon in dem Moment, dass er einmalig ist – dass man diesen Menschen vielleicht nie wiedersieht. Genau dieses Wissen macht viele Gespräche ehrlicher, als sie es sonst gewesen wären.

4. Die Abende, die bleiben

Der Jakobsweg war für mich nicht nur die Summe seiner Kilometer. Er war genauso die Abende danach. Man kommt müde, aber ausgeglichen in einer Pilgerherberge an. Man duscht, ruht sich aus, isst gemeinsam, trinkt vielleicht ein Glas Wein, redet mit Menschen, die man am Morgen noch nicht kannte. Man lacht. Man tauscht Geschichten aus. Und manchmal, an einem guten Abend, entstehen Gespräche, die tiefer gehen, als man es geplant hätte. Diese Abende waren kein Beiprogramm zum eigentlichen Wandern. Sie waren ein wesentlicher Teil der Erfahrung – Gemeinschaft, Gastfreundschaft, Leichtigkeit und das leise Wissen um die Vergänglichkeit von allem, was gerade entsteht.

5. Als der Weg mich bereits coachen ließ

Das Wichtigste ist mir erst im Rückblick klar geworden. Während des Weges begann ich, ohne dass mich das jemand gebeten hätte, tiefere Gespräche anzuleiten. Ich stellte Fragen. Ich schuf kleine Reflexionsräume, ohne dieses Wort damals zu benutzen. Bei einer Übung liefen wir etwa eine halbe Stunde extrem langsam, fast im Schneckentempo – nicht um voranzukommen, sondern um den Boden unter den Füßen zu spüren, den Atem wahrzunehmen, die Landschaft intensiver aufzunehmen, den eigenen Gedanken beim Vorbeiziehen zuzusehen. Bei einer anderen Übung schloss eine Person die Augen und ließ sich von einem Weggefährten allein durch dessen Stimme führen – ein Experiment in Vertrauen, Kontrolle, Kontrollverlust und Hingabe. Ich begann, andere Weggefährten bei ihren eigenen Fragen zu begleiten, ohne dass mir das Wort dafür damals schon geläufig war.

Rückblickend wurde mir klar: Der Jakobsweg hat mir nicht nur gezeigt, dass ich Coach sein möchte. Er hat mich unterwegs bereits coachen lassen.

6. Verbindung zu mir selbst und zu Gott

Durch die Bewegung, die Stille, die Einfachheit, den Rhythmus, die fehlenden Ablenkungen wurde etwas in mir deutlicher hörbar, das im Alltag meist überdeckt ist – meine eigene innere Stimme. Und in dieser Verbindung zu mir selbst entstand zugleich eine stärkere Verbindung zu Gott. Für mich gehören diese beiden Bewegungen auf dem Weg zusammen: sich selbst zu begegnen und Gott zu begegnen. Ich schreibe das offen, weil es zu meiner Geschichte gehört – nicht, um irgendjemanden zu etwas zu überzeugen. Ob du gläubig bist, zweifelst oder einfach offen und neugierig bist: Das entscheidet nicht, ob dich der Weg etwas angeht.

7. Müdigkeit vor dem Ziel

Gegen Ende wurde ich müde – körperlich und innerlich. Ich freute mich auf Santiago und war gleichzeitig des Laufens manchmal überdrüssig. Und dann kam etwas, das mich überrascht hat: Melancholie. Ich wollte ankommen und war zugleich traurig, weil ich wusste, dass der Weg bald vorbei sein würde. Auch darin, glaube ich, gleicht der Camino dem Leben. Am Anfang ist vieles neu. Dann findet man seinen Rhythmus. Menschen begleiten einen für eine Zeit. Später entsteht Müdigkeit. Und das Ende wird zugleich ersehnt und bedauert.

8. Womit ich zurückkehrte

Ich kehrte mit mehr zurück, als ich erwartet hatte: mit Klarheit über meine Begabungen, mit der Erkenntnis meiner Lebensmission, mit der Überzeugung, dass ich Menschen begleiten möchte – als Coach, am Menschen, im echten Kontakt. Nicht mit Modellen, Erklärungen oder fertigen Ratschlägen. Ich möchte Erfahrungsräume gestalten, in denen Menschen selbst etwas über sich erkennen können. Darin liegt der eigentliche Ursprung von Prometheus.

9. Warum daraus Prometheus entstand

Prometheus steht für Transformation durch außergewöhnliche Erfahrungen. Der Jakobsweg war für mich nie nur die Kulisse, vor der etwas passiert ist – der Weg selbst hat mitgewirkt. Er hat gefordert, verlangsamt, reduziert, verbunden, konfrontiert, geöffnet, loslassen lassen, Vertrauen geschaffen, Begegnung ermöglicht, Besinnung erzeugt, Raum für Vision gegeben. Es gibt Erkenntnisse, die man nicht lesen kann. Man muss sie erleben. Genau das versuche ich mit Prometheus für andere Menschen an einem Wendepunkt zu schaffen – zuerst auf demselben Weg, der bei mir angefangen hat: dem Jakobsweg.

Vielleicht beantwortet der Weg nicht jedem dieselbe Frage. Aber vielleicht beantwortet er jedem die Frage, die längst in seinem Herzen liegt.