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Mensch & Identität

Wer bin ich, wenn niemand zusieht?

Kevin Otto Lais · 27. Juli 2026

Über die Distanz zwischen Rolle und Selbst – und warum sie sich lohnt zu schließen.

Es gibt einen Moment am Abend, den fast jeder kennt und über den kaum jemand spricht. Die Tür fällt ins Schloss, das Telefon liegt still, niemand erwartet mehr etwas. Und für einen kurzen Augenblick ist da eine Frage, die sich nicht abschütteln lässt: Wer bin ich eigentlich, wenn das alles hier gerade nicht gebraucht wird – die Rolle, der Titel, die Zuverlässigkeit, das Funktionieren?

Die meisten von uns haben über Jahre gelernt, eine Version von sich zu zeigen, die gut ankommt. Das ist keine Lüge und keine Schwäche – Rollen sind notwendig. Wer führt, muss Halt geben können. Wer für andere sorgt, kann nicht jede eigene Unsicherheit ausbreiten. Das Problem beginnt erst dort, wo die Rolle so gut sitzt, dass wir selbst nicht mehr wissen, wo sie endet. Wo wir auch dann noch performen, wenn niemand zusieht. Wo die Frage „Wie geht es dir wirklich?“ ein leises Erschrecken auslöst, weil wir die Antwort selbst nicht kennen.

Die Distanz zwischen Rolle und Selbst ist nicht sichtbar, aber spürbar. Sie zeigt sich als diffuse Müdigkeit, die kein Schlaf behebt. Als Erfolg, der sich seltsam leer anfühlt. Als Gereiztheit in Momenten, die eigentlich schön sein müssten. Der Körper und das Gemüt registrieren sehr genau, wenn wir dauerhaft jemanden darstellen, der wir nur teilweise sind – auch wenn der Verstand die Diskrepanz noch lange wegargumentiert.

Was hilft, ist nicht die radikale Demontage aller Rollen. Was hilft, ist Ehrlichkeit an einem geschützten Ort: Momente, in denen nichts dargestellt werden muss. Das kann ein Gespräch sein, ein Tagebuch, ein langer Weg zu Fuß. Entscheidend ist, dass die Frage überhaupt wieder gestellt wird – nicht als Krise, sondern als Einladung. Denn unter der Rolle liegt kein Abgrund. Dort liegt meistens jemand, der lange nicht mehr gefragt wurde, was er eigentlich will.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum diese Frage so unbequem ist: Wer sie ehrlich beantwortet, kann danach nicht mehr ganz so weitermachen wie vorher. Aber genau darin liegt ihre Kraft. Die Distanz zwischen Rolle und Selbst zu schließen heißt nicht, weniger leistungsfähig zu werden. Es heißt, dass das, was du tust, wieder von dem getragen wird, der du bist.